Archive for Juni, 2010

Vuvuzela

Deutschland führt mal wieder Krieg. Nachdem der letzte Gegner - ein isländischer Vulkan – nicht aussprechbar und noch irgendwie auf umwelttechnische Gründe zurückzuführen war, ist der aktuelle Gegner greifbar und man kann sich sogar seinen Namen merken. Einfach an einen ehemaligen deutschen Fußballstar denken, eine Eselsbrücke bauen, und schon ist die Vuvuzela in aller Munde. Und das momentane Hassobjekt der Deutschen.

Nun meldet sich in der BILD das erste wirkliche Opfer zu Wort. Sven W. aus Rommerskirchen (NRW) heisst es, und der Gedanke liegt nahe, dass dieser junge Mann selbst ohne Vuvuzela-Hörschaden nicht besonders gesund aussieht.

Und irgendwie ist doch alles gut. Wenn es nichts anderes gibt, worüber wir Deutsche klagen, lamentieren und schimpfen dürfen, ausser ein paar laute südafrikanische Tröten, dann muss die Welt doch gerade verdammt in Ordnung sein. Solange das Hassobjekt der Deutschen ein trompetenfömiges Blasinstrument aus Plastik ist, müssen wir uns nun wirklich keine Sorgen machen. Ausser vielleicht wegen unserer Toleranz, den beim ganzen Lamentieren darf man einfach nicht ausser Acht lassen, dass die südafrikanische Mentalität mit unserer genauso vergleichbar ist wie eben eine Pauke mit einer Triangel – nämlich gar nicht.

Denn die Südafrikaner leben einfach nach dem Motto “Je lauter, desto besser”.

Selbst der ehemalige Staatspräsident Nelson Mandela ließ hunderte Vuvuzelas nach Zürich mitbringen, als dort über die Vergabe der Fußball-WM 2010 entschieden wurde.

Da versuchen wir so international und weltoffen wie möglich zu sein, und kaum werden wir mit einer unerwarteten Geräuschkulisse konfrontiert, schmeissen wir alle guten Vorsätze über den Haufen und verschwenden mehr Energien beim Vuvuzela-Wahn als bei jeder Bundeskanzler-Wahl.

Heute hatte ich den Stein des Anstosses das erste Mal in den Händen. Ganze zehn Minuten hab ich gebraucht, um aus dieser langen Tröte einen Ton rauszubekommen. Und der war alles andere als laut. Scheinbar hat mir da jeder Südafrikaner etwas voraus.

Donnerstag, Juni 17th, 2010 Allgemein 4 Kommentare

Kunst für einen Euro…

Es ist schon erstaunlich, wieviel Möchtegern-Intellekt man sich für einen Euro kaufen kann. Soviel kostet nämlich an Sonntagen der Eintritt in die Münchner Museen. Und dementsprechend lang sind dann auch die Schlangen an den Kassen. Während die Meisten den Namen Neo Rauch vor einigen Monaten noch niemals gehört haben, weiss nun spätestens seit der BILD-Berichterstattung jeder zweite Deutsche, dass Herr Rauch einer ist, den man kennen sollte. Schließlich wird er dieses Jahr auch noch 50 und unser Aussenminister ist ein großer Befürworter seiner Kunst.

Mit der “Mehr Schall als Rauch”-Attitüde bin ich dann auch in die Münchner Rauch-Ausstellung “Begleiter” hineinspaziert. Um letztendlich voller Demut und Enthusiasmus wieder herauszugehen. Ich gebe zu: Es war das erste Mal, dass ich einen Aufseher gefragt habe, ob es nicht einen Walkman mitsamt Kopfhörer gibt, um sich die Bilder en Detail erklären zu lassen.

Aber Neo Rauch will das nicht. Und so stehen Möchtegernkunstkenner mit ihrem halben Dreiviertelwissen – wie ich es zugegebenermaßen auch einer bin – vor den 60 Bildern, und fühlen sich entlarvt. Weil man immer der Meinung war, mehr zu wissen als der Kunst-für-ein-Euro-Besucher, ja auf über diesen sich latent amüsiert und darüber erhoben hat, um plötzlich festzustellen, dass man selbst keine Ahnung hat.

Wie bei diesem Bild hier mit dem passendem Titel “Das Blaue” von 2006. Ich schliesse mich einer Führung an. Ein Kunsthistoriker hat eigens für die Ausstellung die Page www.neo-rauch-verstehen.de gemacht. Weil er wahrscheinlich auch gemerkt hat, dass den Künstler kaum einer versteht. Dementsprechend viele Leute lauschen auch seinen Ausführungen. Und selbst die können zu Verwirrungen führen. Drei Ebenen in einem Bild, wo ich froh bin, überhaupt einmal zwei zu erkennen.

Ich verlasse die Pinakothek der Moderne. Und habe zum ersten Mal das Gefühl, auch nicht mehr Ahnung zu haben, als die Hausfrau, die eben noch aus der BILD-Zeitung erfahren hat, dass Neo Rauch eben einer ist, den man gesehen haben sollte.

Dienstag, Juni 8th, 2010 Allgemein 3 Kommentare