Sehr geehrter Bundespräsident Wulff,

2012 ist bislang definitiv noch nicht Ihr Jahr. Da hatten Sie gerade gedacht, dass die Sache mit dem Privatkredit so halbwegs vergessen ist, dann kommt Ihre Nachricht auf der Mailbox des BILD-Chefredakteurs ans Tageslicht. Dass Sie sich kurze Zeit später für ihre Überreaktion entschuldigt haben, geht natürlich völlig unter. Deutschland diskutiert, erhebt den moralischen Zeigefinger, die Medien fühlen sich in ihrer Pressefreiheit angegriffen und die Facebook-Gemeinde hat eine Alternative zu Farmville gefunden und verbreitet lieber dieses Bild:

Und dann gibt´s ja noch diese informative Webpage, die den Internet-User kurz und knackig darüber informiert, ob Sie noch im Amt sind. Oder eben nicht: www.istchristianwulffnochimamt.de
Und der STERN hat gleich mal ein fiktives Facebook-Profil von Ihnen entworfen: www.stern.de
Wenn ich ehrlich bin, finde ich die Sache mit dem Privat-Kredit gar nicht so schlimm. Andere Politiker in Europa lassen es definitiv um einiges mehr und allerdings auch cooler krachen und haben noch mehr Pattex an ihrem Hintern. Die sollen selbstverständlich auch kein Vorbild für uns darstellen, wobei ich die Vorstellung, wie die Deutschen sich echauffieren würden, wäre Berlusconi hierzulande aktiv gewesen, schon sehr amüsant finde. Ich frage mich auch, ob ich wirklich Lust auf einen Bundespräsidenten hätte, der moralisch so perfekt und so glatt ist, dass man als Otto-Normal-Verbraucher jedes Mal ein schlechtes Gewissen haben muss, wenn er seine Reden schwingt. Sie würden uns ab jetzt wenigstens das Gefühl vermitteln, dass Sie auch nicht besser, klüger oder moralischer sind als wir. Und genau das wollen wir Deutschen doch: Nicht bewundern, sondern auf Augenhöhe stehen.
Wobei man Ihnen nicht absprechen kann, dass Sie auch echt ein bisschen Pech haben. Es passiert einfach nichts anderes. Die Trauer um Joopie Heesters war zu kurz, und auch sonst ist auf dieser Welt nichts Bewegendes passiert, was von Ihrem Fall ablenken könnte. Selbst die Despoten dieser Welt geben momentan Ruhe.
Ich denke, Sie sollten nicht zurücktreten. Schon alleine aus dem Grund, dass Sie in Zukunft bei jeder Handlung überlegen werden, ob diese wirklich korrekt ist. Ein Bundespräsident auf Bewährung ist vielleicht einer, der sich extra zusammenreißt und Mühe gibt. Außerdem: Sie sind weder in einem Hotelzimmer mit Nutten und Koks abgestürzt (und selbst davon kann man sich rehabilitieren, wie die Historie gezeigt hat), noch haben sie minderjährige Mädels auf dubiosen Partys verführt. Sie haben sich von einem Freund Geld geliehen – zu einem verringerten Zinssatz. Na und? Natürlich nutzt man seine Kontakte aus, sowohl beruflich als auch privat. Dabei haben sie niemanden hintergangen und kein Dritter musste negative Konsequenzen in Kauf nehmen. Und dass Sie diesen Kredit nicht angegeben haben, mag vielleicht wirklich damit zusammenhängen, dass Sie in dem Moment nicht das Gefühl eines moralischen Fehltrittes oder eines Interessenkonfliktes hatten. Es ist ja auch irgendwie absurd zu glauben, dass Ihr Freund Geerkens irgendwelche realen Vorteile dadurch gehabt hat, außer dass er vielleicht lieber einen Ministerpräsidenten als eine Supermarktkassiererin unterstützt hat. Und selbst wenn Sie Ihr Freund dann auf eine Delegationsreise in den Fernen Osten begleitet hat, sehe ich darin kein schwerwiegendes Vergehen, zumal er ja für seine Kosten selbst aufgekommen ist. Dürfen Politiker jetzt keine Geschäftsfreunde mehr haben? Vielleicht kann es ja auch von Vorteil für ein Land sein, wenn wir Politiker haben, die clever sind und Kontakte nutzen anstatt welche, deren Entscheidungen davon getrieben sind, ja nichts falsch zu machen? Macher sehen bekanntlich anders aus, sind auch gerne mal unpopulär und unbequem, das kennen wir aus der Wirtschaft. Wieso soll und darf es solche Leute nicht auch in der Politik geben, wenn es um die Interessen unseres Landes geht? Wieso muss Deutschland DAS Vorzeigeland mit der weißesten Weste in ganz Europa werden? Oder bringen wir uns jedes Mal zur Selbstanzeige, wenn wir von einem Freund eine günstige Wohnung vermittelt bekommen, Flugmeilen von Geschäftsreisen privat nutzen oder Geschenke über den erlaubten Höchstsatz annehmen? In meinen Augen sind sie primär Mensch, dann Bundespräsident.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen heute ein faires Interview, ein gutes Durchhaltevermögen und eine schnellstmögliche mediale Ablenkung von Ihrem Bausparvertragsdilemma.

Mittwoch, Januar 4th, 2012 Allgemein

8 Kommentare to Sehr geehrter Bundespräsident Wulff,

Peter Weß
4. Januar 2012

Ich stimme dem weitgehend zu, bin jedoch dennoch der Meinung, er sollte sofort zurücktreten. Es heißt immer, er habe sich bei dem Angerufenen doch entschuldigt – mal abgesehen davon, daß man sich nicht selbst entschuldigen kann, sondern lediglich um Entschuldigung bitten kann – ein Bundespräsident darf sich niemals so gehen lassen.
Der Bundespräsident ist ein Mann des Wortes. Wo aber war z. B. sein Wort in der Schuldenkrise in Europa? Die Rede, die ein Bundespräsident unbedingt hätte halten müssen, hielt Helmut Schmidt am 4.12.2011 auf dem SPD-Parteitag!!
Ch. Wulff ist dem Amt nicht gewachsen und sollte schon daher – unter Verzicht auf seinen lebenslangen Ehrensold – sofort zurücktreten, damit Joachim Gauck endlich Bundespräsident werden kann!!

ulli
4. Januar 2012

“Dass Sie sich kurze Zeit später für ihre Überreaktion entschuldigt haben, geht natürlich völlig unter. Deutschland diskutiert, erhebt den moralischen Zeigefinger, die Medien fühlen sich in ihrer Pressefreiheit angegriffen”

Überreaktion = Drohung, dass ein bestimmter Artikel nicht erscheinen soll und das hat Herr Wulff nicht das erste Mal gemacht!

Dies ist ein versuchter Eingriff gegen die Pressefreiheit und das von einer Person, die das höchste Amt der BRD inne hat – das ist ein no go!

Max
6. Januar 2012

Liebe Tina. Der Artikel ist sehr gut geschrieben und ich finde auch, dass es falsch ist, nur auf diesem Mann rumzuhacken, eben weil er “nur ein Mensch” ist. Und ja, “nobody is perfect”. Alerdings muss man in einigen Positionen “mehr perfect sein als in anderen”! Das Amt des Präsidenten verlangt strenge Pflichten ab und sowohl seine Vorbildfunktion als auch die moralischen und ethischen Ansprüche, denen er sich unweigerlich fügen muss, sind enorm. Ich möchte nur ungern mit ihm tauschen. Das es in anderen EU Ländern schlechter zu geht, ist auch richtig. Dies darf allerdings nicht die Messlatte senken und Italien als Vergleich mit hinzuzuziehen, halte ich für fragwürdig. Fakt ist, dass er immer wieder dem gleichen Schema unterliegt: Er aktioniert nicht dem Amt entsprechend. Es kommt raus. Er versucht zu balancieren und wenn es nicht mehr gerade zu biegen ist, entschuldigt er sich. Das ist neben schlechtem Crisis Management auch schlechtes Verhalten im Generellen. Journalisten zu beeinflussen und zu drohen, ist in Russland “en vogue” – hier zu Lande, zu Recht, ein unverzeihliches Unding. Es heisst: “erst denken, dann reden/handeln!” und nicht ungezügelt agieren und dann Schaden versuchen zu minimieren, wenn es eh schon jeder weiss. Es gibt nur wenige Jobs, in denen eine “weiße Weste” verlangt wird – der Bundespräsident sollte, meiner Meinung nach, eine solche haben. Herr Maschmeyer, beispielsweise, als Unternehmer, der gewinnmaximierend wirtschaften möchte und auch darf, nicht unbedingt. Letztlich frage ich mich, wenn Herr Wulff all dies verziehen wird und er im Amt bleiben wird, müssten wir die Toleranzgrenze neu setzen. Und wo soll diese dann neu gesetzt werden? Erst bei Straftaten und Vergehen, beziehungsweise dann ja auch erst nach Verurteilung?!? Das die Presse nicht immer lieb und sensibel ist, ist auch klar. Allerdings sehe ich die Presse in der Pflicht über das höchste deutsche Amt konstant zu berichten und vor allem das Agieren des Präsidenten immer transparent zu halten. Sprich, der Informationsfluss über den Präsidenten muss hoch sein. Ich kenne Herrn Wulff nicht persönlich, kann mir aber vorstellen, dass er ein netter Mann ist. Für das Amt des Bundespräsidenten hingegen, stimmt, aus meiner Sicht, sein Profil leider nicht mehr.

Marcel
6. Januar 2012

@ Max: So ist es…

Es muss eine Grenze geben…ansonsten sind jegliche Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft wertlos…

Insbesondere als Bundespräsident sind diese Wertvorstellungen nicht nur als solche an sich zu sehen…sie sind verpflichtend und unantastbar…
Mir ist es unverständlich…dass er sich dieser Tatsache – die er im Übrigen selbst immer wieder (stark betonend!) weitreichend verbreitete und als das Wichtigste überhaupt erklärte – nicht bewusst zu sein schien…
So etwas wird allgemein hin auch als scheinheilig tituliert… …für mich trifft es der Begriff “Heuchler” noch besser…

Wie Max schon richtig schrieb…kann man es sich (jetzt) kaum vorstellen…wie es nach einer Verzeihung weiter gehen soll…
Das höchste Gut…die Glaubwürdigkeit…ist dahin… …da kann er sich noch so viel entschuldigen und auf Menschlichkeit pochen…
Als er im (Entschuldigungs-)Interview den Spruch andeutete: “Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.” …fiel mir vor Lachen fast die Sushi-Rolle ausm Schnabel…

Das Beste beziehungsweise amüsanteste an der ganzen Situation jedoch ist…mit anzusehen…wie selbst die schärfsten Kritiker (Politiker) davon abraten…dass Wulff sein Amt niederlegen soll…
Der Grund ist nicht…dass sie es nicht wollen… Es macht sich momentan nach außen (Ausland) hin einfach nur nicht sonderlich schick…nach so kurzer Zeit schon wieder einen deutschen Bundespräsidenten “versagen” zu sehen…

PS: Ein Horst Köhler ging aus gekränkter Eitelkeit und unterlag seiner Sensibilität…doch er war zumindest eine ehrliche Haut – auch wenn sich herausstellte…dass sie für den Job viel zu dünn war…

Sch
6. Januar 2012

1. Hat er weder ein Verbrechen noch irgendeine moralisch zwiespältige Tat begangen als er sich das Geld geliehen hat.

2. Ist das ganze nur so eskaliert weil man die Geschichte mit dem Privatkredit so aufgebauscht hat in den Medien und das war einfach der Ausschlaggebenden Punkt

3. Jeder, wirklich jeder hätte bei der Bild angerufen und gefragt ob man sich darüber unterhalten könne, wenn man wieder im Lande ist.

Dieses wird wiedermal in den Medien so extrem aufgebauscht und jedem so verkauft als würde unser Präsident die Pressefreiheit in dem Sachverhalt verbieten, und das auch noch nachweisbar auf eine Mailbox? Wer glaubt sowas?

Und ich glaube unserem Bundespräsidenten garantiert mehr als irgendeinem schmierigen Journalisten, der nur an seine Topstory denkt. Aber das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden wem er mehr Vertrauen schenkt.

Marcel
6. Januar 2012

So sehr ich Hape Kerkeling auch achte…aber mit seinem Kommentar liegt er nicht sonderlich gut…
Vor allem seine Vergleiche mit Kohl und Schröder hinken doch sehr…denn denen passierten ihre Ausrutscher mehr oder weniger im Affekt…
Bei Wulff sieht das ganz anders aus…
Übrigens “hetzt” nicht nur die ‘BILD’ gegen ihn…sondern ALLE (seriöseren) Gazetten ebenso…

Sch schrieb:

Dieses wird wiedermal in den Medien so extrem aufgebauscht und jedem so verkauft als würde unser Präsident die Pressefreiheit in dem Sachverhalt verbieten, und das auch noch nachweisbar auf eine Mailbox? Wer glaubt sowas?

Thüringische Landeszeitung:Schon die Veröffentlichung des Mailbox-Mitschnitts, auf dem Wulff den „Bild“-Chefredakteur schimpfend zu gängeln versuchte, könnte neuen Ärger bescheren.
Dass der Präsident sich vor der Offenlegung des Wortlauts sträubt, passt nicht zur versprochenen Transparenz.
Als Motiv für die Blockade ist deshalb zu befürchten, dass Wulff damit endgültig bewiesen werden kann, dass er eine unliebsame Berichterstattung verhindern und nicht, wie er es darstellt, nur verzögern wollte.
Dem Ansehen des Amtes ist bereits jetzt schwerer Schaden zugefügt worden.
Nur mangels Alternative, so viel steht fest, hält die Kanzlerin, eisern stumm, an ihrem einstigen Favoriten fest.

Marcel
17. Februar 2012

Will ja nun nicht klugscheißen… …und genau deshalb lass ich’s auch… ;-)

Hinterlasse einen Kommentar